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(2003-06-16)
Oskaras Korsunovas Inszenierung von "Romeo und Julia"
Die beiden noch nassohrigen veronesischen Trotzlöffel mit den anziehenden Vornamen Romeo und Julia und den abstoßenden Nachnamen Montague und Capulet verknallen sich derart grundlegend ineinander, dass sie jeden Sinn für organisatorische Abläufe verlieren, weshalb aber auch alles schief geht, und die beiden im Gruftkuss ihre kurzen Leben aushauchen. Bei aller Bestürzung über diesen Liebeslawinenabgang - ein Quantum buchhalterischen Verdrusses mischt sich ins Mitleid. Es muss gedanklich nur ein bisschen mit "hätte" und "wenn" im Geschehen herumgefummelt werden, um es seiner Verhängnisfülle zu berauben. Vieles an diesem Shakespeare-Stück ist Pech. Bevor es tragisch werden kann, ist das Paar schon tot.
Ein angemessen umkehrbares Zeichen für solch missgeschickliches Erbleichen fand der litauische Regisseur Oskaras Korsunovas, der seine "Romeo und Julia"-Inszenierung im Hebbel-Theater zur Premiere brachte: Die Dahingehenden (Mercutio, Tybalt, Paris, Romeo und Julia) bekommen je eine Hand voll Mehl ins Gesicht gepudert, das sich so in eine Totenmaske verwandelt, von der man aber weiß, dass man nur einmal draufzupusten bräuchte, um den jungen Leuten ihr Leben wieder einzuhauchen. Die verfeindeten Häuser wurden also kurzerhand zu konkurrierenden Backstuben (Bühne: Jurate Paulekaite). Das erhöht den Schmadder- und Stiebfaktor: Mehlwolken türmen sich im Scheinwerferlicht, Teigflatschen fliegen, Wasser spritzt, Blechgeschirr klirrt. Die vorhandenen Utensilien werden bedenkenlos zweckentfremdet: Messer verwandeln sich zu Säbeln, Arbeitsplatten zu Bahren, Löffel zu Grabsträußen.
Parallel zu dieser Verspieltheit, verpasste Korsunovas dem Abend eine kluge Ordnung: die Parteien sind auf Symmetrie geeicht bis zum Hornbrillengestell auf den Familienoberhauptsnasen. Die Situationen wurden sortiert und vermittels Musik- und Lichtillustration deutlich voneinander abgesetzt. In solchem Gerüst findet das spielgierige Ensemble seine Freiheit.
Es wird gebrüllt, geheult, geschmachtet, dass es scheppert im Küchenschrank. Das Pathos wird gebrochen mit melancholischem Humor - und nicht abgebrüht mit besserwisserischer Ironie, wie es hier zu Lande Mode ist. Die Amme (Egle Mikulionyte) findet Zeit, einen Wodka zu kippen und sich zu räuspern, bevor sie ihr Klagegeschrei umso herzzerreißender fortsetzt, und wenn sie mit dem Pater Lorenzo in so traurigen Angelegenheiten zu tun bekommt, dann wird sich eben unter Tränen verliebt und vernascht. Das junge Paar (Rasa Samuolyte und Giedrius Savickas) schrotet unerschrocken, doch immer in Selbstverblüffung über die voll gerümpelte Bühne, aus Julias Rot- und Romeos Lockenschopf wirbelt das Mehl. Je unüberwindlicher die Hindernisse ihrer Liebe, desto sicherer wissen sie, wofür sie zu trotzen, zu jubeln und wofür sie ins Grab zu klettern haben. Das war ein schöner, grader, leichter, tiefer Shakespeare-Abend. Ulrich Seidler / Berliner Zeitung
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